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Auslandsaufenthalte sind ein Gewinn auf allen Ebenen

Als Personalleiterin und Ausbilderin ist Steffi Henkel im Maschinenbauunternehmen Paatz Viernau GmbH für das Recruiting und die Begleitung von Auszubildenden im Unternehmen zuständig. Im Interview berichtet sie, wie aus einer Idee durch die Förderung von AusbildungWeltweit eine erfolgreiche Entsendung von Auszubildenden nach Brasilien wurde und welchen positiven Einfluss die geschaffene Möglichkeit für Auslandsaufenthalte während der Ausbildung auf die Gewinnung neuer Auszubildender hat. 

Personalleiterin Steffi Henkel, eine blonde Frau, sitzt am Schreibtisch vor ihrem Bildschirm und lächelt in die Kamera
Quelle: Steffi Henkel

Warum haben Sie sich entschieden, Ihren Auszubildenden einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen? 
Als Personalleiterin sehe ich täglich, wie herausfordernd es ist, junge Menschen für gewerblich-technische Berufe wie Industriemechaniker oder Zerspanungsmechaniker zu begeistern, gerade hier in unserer ländlichen Region in Thüringen. Es gibt immer wieder Vorurteile – die Arbeit sei schmutzig oder monoton.
Der Gedanke, einen Auslandsaufenthalt anzubieten, kam mir, als ich durch das Förderprogramm AusbildungWeltweit auf die Möglichkeit aufmerksam wurde. Diese internationale Komponente verleiht der Ausbildung Attraktivität, schafft Motivation und bietet den Jugendlichen eine einmalige Chance zur persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung.

Ich muss auch ganz ehrlich sagen, das schlägt wirklich ein. Wenn ich jetzt auf eine Ausbildungsmesse gehe und auf meiner Messerückwand steht „Entsendung nach Brasilien möglich“, dann zieht das die jungen Leute an.

Steffi Henkel

Die erste Initiative für einen Austausch kam von unserem ehemaligen Geschäftsführer Christian Kurtenbach. Er hat schon 2021 erste Kontakte mit dem Werk, Firma Heller Brazil, in Sorocaba (Brasilien) geknüpft und den Weg für unsere spätere Zusammenarbeit geebnet. 
Als ich dann von AusbildungWeltweit erfahren habe, wurde aus einer vorher eher vagen Idee ein konkretes Projekt. 

Wie war die Reaktion innerhalb des Unternehmens auf Ihren Vorschlag, Azubis für acht Wochen ins Ausland zu entsenden? Gab es Widerstand oder Bedenken?
Ganz im Gegenteil, das Projekt wurde direkt sehr positiv aufgenommen. Die größte Herausforderung lag eher in der Organisation – es war auch für mich ein Pilotprojekt. Ich habe quasi von NULL angefangen und musste mich durch einige bürokratische Hürden kämpfen. Besonders die Klärung mit Versicherungen, die Frage nach der Entsendung und das Visum „JA“ oder „NEIN“  haben Zeit gekostet. Aber ich hatte großartige Unterstützung von AusbildungWeltweit sowie von unserer Industrie- und Handelskammer Südthüringen.
Mit meiner Ansprechpartnerin im brasilianischen Werk liefen die Absprachen über TEAMS ab. Anfangs musste ich noch etwas Überzeugungsarbeit leisten, warum wir unseren Auszubildenden diese Auslandserfahrung bieten wollen. Aber die Leitung vor Ort hat sich schnell überzeugen lassen. Wir haben von hier aus die komplette Vorbereitung übernommen. Das hat geholfen. Meine Ansprechpartnerin hat uns bei Visafragen und Absprachen hervorragend unterstützt. Und ich konnte mein Englisch in diesem Zuge gleich auch noch mit auffrischen.  

Wie lief die Auswahl der Auszubildenden ab?
Das Ganze war auch für uns ein Novum. Die Teilnahme war freiwillig und die Auszubildenden konnten sich darauf bewerben. Allerdings gab es vom Werk in Brasilien die Vorgabe, dass sie aus Sicherheitsgründen gerne entweder zwei männliche oder zwei weibliche Azubis haben wollten und keine gemischte Gruppe. Außerdem sollten sie mindestens 18 Jahre sein. Natürlich mussten sich dann auch noch die Berufe im Werk dort wiederfinden. Auf die Kriterien passten die beiden (Toni und Justin) dann super, so dass die Auswahl schnell getroffen war. 
Für die Zukunft hoffe ich, auch mehrere unserer weiblichen Azubis für das Programm zu gewinnen. Auch eine Ausweitung auf weitere Standorte, zum Beispiel in England, ist angedacht. 

Welche Vorbereitungen haben Sie für den Aufenthalt getroffen? Gab es spezielle Maßnahmen zur Schulung der Auszubildenden? 
Die gesamte Organisation lag bei mir, von den Flügen über Versicherungen bis hin zur Recherche der nötigen Dokumente, die die beiden Teilnehmer vor der Reise haben mussten. Das war schon ein nicht zu unterschätzender Batzen Arbeit. Insbesondere rund um das Thema Visa habe ich viel recherchiert. Hier hat mich zum Glück meine Partnerin in Brasilien gut beraten. Das Gute ist, dass wir uns jetzt für zukünftige Aufenthalte einen kleinen „Leitfaden“ erstellen konnten und so in Zukunft viel Zeit sparen können. 
Zur kulturellen Vorbereitung der Auszubildenden hat uns der Südamerika-Experte, organisiert über unsere IHK Südthüringen, wunderbar unterstützt. Er hat sich für die beiden sehr viel Zeit genommen und ist mit ihnen ihre Fragen durchgegangen, hatte Filmmaterial und Bücher dabei. Er hat ihnen was zur Sprache, zum Brauchtum und zu alltäglichen Gepflogenheiten- wie die Do´s and Don´ts für das Leben vor Ort– beigebracht. Das war wirklich eine tolle Veranstaltung und er war unheimlich engagiert. 
Das haben auch die beiden Azubis gemerkt und es sich nicht nehmen lassen, ihm von ihrem Auslandspraktikum ein Päckchen seines geliebten brasilianischen Kaffees mitzubringen. 
Solche Workshops werden wir auf jeden Fall beibehalten. Gerade bei so weit entfernten Ländern helfen sie, sich auf die Gegebenheiten einzustellen und sind eine gute Möglichkeit, um Ängste zu nehmen. Zusätzlich plane ich für zukünftige Aufenthalte, einen Portugiesisch-Kurs mit den sprachlichen Grundlagen für den Alltag und die Werkstatt anzubieten, da nicht alle Kollegen in Brasilien Englisch sprechen.

Die beiden Auszubildenden stehen im Werk vor einer Maschine und strecken die Daumen nach oben
Quelle: Paatz-Viernau

Wie haben sich die Auszubildenden während des Aufenthalts entwickelt? Konnten Sie Veränderungen feststellen? 
Absolut! Sie kamen viel reifer und selbstbewusster zurück. Zum ersten Mal in ihrem Leben mussten sie sich im Alltag um alles selbst kümmern – Wäsche, Einkäufe aber auch die Kommunikation im Betrieb. Das hat sie enorm weitergebracht. 
Fachlich haben sie auch sehr viel gelernt. In Brasilien haben Sie an viel größeren Maschinen gearbeitet, die wir hier so gar nicht haben. Sie konnten den gesamten Produktionsprozess von Anfang bis Ende mitverfolgen. 
Besonders stolz war ich, als sie sich nach ihrer Rückkehr getraut haben, bei einer Quartalsinformationsveranstaltung in unserem Unternehmen vor allen Mitarbeitern unseres Werkes und Vertretern unseres Mutterkonzern eine Präsentation über ihre Erfahrungen zu halten. 

Sie haben erwähnt, dass sie das Angebot zu Auslandserfahrungen jetzt verstetigen und als Marketinginstrument für die Ausbildung nutzen. Wie hat sich das bisher ausgewirkt?
Das schafft unheimlich viel Interesse. Auf Ausbildungsmessen zieht unser Stand viel Aufmerksamkeit auf sich, weil dort groß steht „Entsendungen nach Brasilien möglich“. Die Jugendlichen und ihre Eltern sind begeistert, weil sie sehen, dass es hier mehr als nur eine „normale“ Ausbildung gibt. Mittlerweile haben wir bereits einige Bewerber, die sich genau wegen dieser Möglichkeit ganz gezielt bei uns beworben haben. 
Wir haben Sie die Zusammenarbeit mit AusbildungWeltweit erlebt?
Absolut positiv! Das Team hat uns immer mit Rat und Tat unterstützt. Selbst als wir aufgrund einer Erkrankung eines Auszubildenden kurzfristig umplanen mussten, wurde schnell und unkompliziert geholfen. Das hat mir doch vieles erleichtert und ich bin sehr froh, über diese gute Zusammenarbeit. 
Die finanzielle Unterstützung durch die Zuschüsse zu Flug und Aufenthalt war auch ganz elementar für die positive Aufnahme der Initiative in der Geschäftsleitung. 

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? 
Nachdem das erste Projekt so gut gelaufen ist und so guten Anklang gefunden hat, möchten wir die Auslandsaufenthalte fortführen und auch weiterentwickeln. Die Zusammenarbeit mit dem Werk in Brasilien wird ausgebaut. Bereits im Sommer 2025 werden wieder Auszubildende dorthin im Rahmen ihrer praktischen Ausbildung entsendet werden. Wir denken auch darüber nach, England als zweiten Standort einzubinden. Aktuell ermöglichen wir die Aufenthalte hauptsächlich den gewerblich-technischen Berufen. Langfristig wäre es mir ein Anliegen, auch für die anderen Ausbildungsberufe ähnliche Möglichkeiten zu schaffen. 

Abschließend bitte ich Sie um Ihre ganz persönliche Sicht – was würden Sie anderen Unternehmen raten, die darüber nachdenken, ihre Azubis ins Ausland zu schicken? 
Macht es! Ja, es ist viel organisatorischer Aufwand, gerade wenn man es zum ersten Mal macht. Aber es lohnt sich! Die Azubis kehren so viel selbstbewusster zurück und sind viel verantwortungsvollere und motivierte Fachkräfte.

Es stärkt das Unternehmen, da es ganz neue Perspektiven im Recruiting schafft und das Interesse an einer Ausbildung steigert.

Steffi Henkel

Nicht vergessen sollte man auch, dass es den internationalen Austausch mit den Partnern stärkt und ganze neue Netzwerke geschaffen werden. 


Vielen Dank für das Gespräch!